2.Übung zur Gewaltfreien Kommunikation von Anja Palitza&Olaf Hardtke

 
Thema: Gibt es Situationen, in denen GfK nicht funktioniert?
 
Zitat: Aus einem Training mit Marshall Rosenberg: „Marshall, Hand aufs Herz – gibt es Situationen, in denen Du mit Gewaltfreier Kommunikation nicht weitergekommen bist?“ Antwort: „Nein, da kann ich Dir wirklich keine Einzige nennen. Aber ich kann Dir von hunderten Situationen erzählen, in denen es mir nicht gelungen ist, in der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation zu bleiben.“
 
Beispiel: Britta entdeckte vor einigen Jahren die Gewaltfreie Kommunikation, ist seither davon begeistert und hat bereits an einigen Seminaren teilgenommen. Sie besucht regelmäßig eine Übungsgruppe, ist „sattelfest“ und hat mithilfe der GfK bereits einige Konflikte auch im Büro zur Überraschung des Chefs entspannt.
Heute hat sie gleich nach Arbeitsbeginn vom Chef erfahren, dass sie doch nicht mittags Feierabend machen kann, um ihre Mutter vom Bahnhof abzuholen. Stattdessen soll sie einen Kollegen in einem Kundenmeeting vertreten. Das beunruhigt sie, denn ihre Mutter war zu einer Kur und braucht Hilfe. In der Frühstückspause ruft ihr Mann an und teilt ihr mit, dass er kurzfristig morgen geschäftlich verreisen muss und bittet sie, seinen Anzug aus der Reinigung mitzubringen – sie arbeitet ja in der Nähe.
Kurz vor Beginn des Meetings erhält sie eine Kundenmail und erfährt, dass die bereits sicher geglaubte Zusage für ein größeres Projekt doch nicht gegeben wird und der Kunde auch „dringenden Gesprächsbedarf“ bezüglich des laufenden Projektes habe. „Der Chef wird toben.“, denkt sie.
Nervös, angespannt und besorgt macht sie sich auf den Weg zum Meeting ins benachbarte Hotel, wo der Chef bereits mit den Kunden zu Mittag isst. Beim Einbiegen in die Hoteltiefgarage telefoniert sie noch mit Kollegen, um eine Auslieferung zu sichern. „Mir ist wichtig, dass wir gegenüber dem Kunden zuverlässig sind – was spricht für Sie dagegen, dass wir die Ware heute noch ausliefern?“ – Kurze Sprechpause - „Aber es muss heute raus! Ist mir jetzt egal, wie Sie das machen!“ – Kurze Sprechpause – „Sie machen das, sonst sehen wir uns heute Nachmittag noch gemeinsam beim Chef, klar?“ Sie legt auf, schüttelt über sich selbst den Kopf und eilt durch die Hotelhalle zum Meetingraum. Der Chef und die Kunden begrüßen sie kurz und einer der Besucher fragt sie sofort: „Sagen Sie mal, Frau Dietzsch – was haben Sie sich dabei eigentlich gedacht?“, und zeigt auf das Projektangebot, das sie ihm letzte Woche geschickt hat. Und der Chef: „Wirklich Frau Dietzsch, sie sagten doch, ich könne mich auf sie verlassen…“ Britta Dietzsch bricht in Tränen aus und verlässt sofort den Raum.
   
Information: Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein Modell, dessen Anwendung man erlernen kann. Darüber hinaus kann man auch die Haltung und das Menschenbild der Gewaltfreien Kommunikation zu seiner Lebensphilosophie machen und versuchen, täglich danach zu leben.
Jedoch: Alles, was Menschen lernen, speichern sie im Großhirn ab. Dies ist die „Datenbank“ unseres Wissens und unserer erlernten Fähigkeiten. Uneingeschränkten Zugriff auf diesen Bereich unseres Gehirns haben wir allerdings nur dann, wenn wir in einem ressourcenvollen Zustand sind. Je mehr wir Belastungen zu tragen haben und aus der Balance geraten, desto weniger haben wir Zugriff auf diese neu erlernten kognitiven Strategien.
Verlieren wir den Zugang zu diesen Ressourcen, nutzen wir wieder die Verhaltensweisen, die wir „noch sicherer beherrschen“ – unsere antrainierten Verhaltensmuster aus der Kindheit. Und wenn die Umstände uns ganz intensiv fordern und auch diese Verhaltensweisen uns nicht in unsere Balance zurückbringen, dann schalten wir noch eine Stufe herunter und unser Stammhirn (auch Reptiliengehirn genannt) übernimmt die Kontrolle. Mit drei sehr eingeschränkten Möglichkeiten, die reflexhaft auftreten: Angriff, Flucht und Erstarren.
 
Zum „Sofort-Üben“: Was könnte Britta jetzt unmittelbar tun, um die Situation zu verändern? (Unser Vorschlag steht am Ende der Mail.)
 
Wochenaufgabe: Wenn Sie nur noch „reflexhaft funktionieren“ – was können Sie für sich tun, um wieder Zugang zu Ihren Ressourcen zu bekommen? Überlegen Sie sich mehrere Strategien, die Ihnen in „emotionalen Notfällen“ helfen können, Ihre Balance wiederzufinden.
 
Aktuelles:Nächste Termine: www.ab-ins-kloster.de

Unser Vorschlag: Da das Anwenden einer kognitiven Strategie (der Einsatz Gewaltfreier Kommunikation zur Selbstempathie und zum Auffangen der Emotionen der Kunden und des Chefs) und das bewusste Reflektieren der komplexen Situation in diesem Zustand eben nicht klappen kann, ist es schon ein wichtiger Moment, den aktuellen Gehirnmodus überhaupt zu erkennen.
 
Der Weg heraus aus den eingeschränkten Stammhirnfunktionen (angreifen, fliehen, erstarren) zurück in das Großhirn führt über das Zwischenhirn – auch „Pforte zum Bewusstsein“ genannt. Durch einfache Körperwahrnehmungen und Achtsamkeitsübungen kann man relativ schnell und zuverlässig wieder in Balance kommen. Britta könnte nach dem Verlassen des Meetingraumes einen Waschraum aufsuchen und Gesicht, Hände und Unterarme in kaltes Wasser tauchen. Sie könnte ein Fenster öffnen oder vor die Tür treten und mindestens zehnmal tief durchatmen. Eine weitere Möglichkeit ist, sich auf den Herzschlag zu konzentrieren, den eigenen Pulsschlag zu fühlen.
 
„Kontakt zum Körper aufnehmen“ heißt also die Devise in diesem Zustand und wenn das gelungen ist und wir den Körper wieder spüren, sind wir nach diesem ersten Schritt auch wieder fähig zur Selbstempathie. Im zweiten Schritt nehmen wir also Kontakt auf zu unseren aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen.
 
Wenn die reinen Gefühle erkannt sind – also alle Pseudogefühle aussortiert und die Sekundärgefühle in Primärgefühle übersetzt sind -  und die unerfüllten Bedürfnisse erkannt sind – und man die Bereitschaft verspürt, die Erfüllung aufzuschieben – legt sich auch wieder die „Unruhe im Großhirn“ (Gerald Hüther) und wir finden wieder Zugang zu unserem Wissen und den angelernten Fähigkeiten.
 
Nachdem Britta ihre Balance wiedergefunden hat, könnte sie zurück in den Meetingraum gehen und sagen: „Es tut mir leid, dass ich Sie gerade so stehen lassen habe und nochmal gegangen bin. Der Grund ist, dass ich heute Morgen eine ganze Menge Informationen bekommen habe und parallel zu diesem Meeting noch einige dringende ungeklärte Themen habe, die mir auch sehr wichtig sind. Aber die sind später dran. Nach meiner kurzen Auszeit gerade, bin ich jetzt für Sie da und ich habe den Eindruck, dass Ihnen momentan auch etwas auf der Seele brennt und Sie etwas klären möchten. Auf geht´s - um was geht es Ihnen konkret