3. Übung

: Besondere Momente im Leben
 
Zitat: „Niemals kann der Geist verstehen, was das Herz spürt – eine tiefere innere Weisheit.“ (aus einem Seminar mit Robert Gonzales 2013)
 
Beispiel: Ralf ist erschüttert. Er hält einen Brief von einem Freund in den Händen, in dem von Abschied, Schmerz und großer Müdigkeit nach einem längeren Kampf gegen den Krebs die Rede ist. Folgendes spielt sich bei Ralf in diesem Moment ab: „Nein, das ist nicht wahr. Das kann nicht sein. Er kann doch nicht einfach gehen.“ Tränen laufen über sein Gesicht. „Wieso hat der Krebs ihn besiegt? Er darf doch nicht einfach aufgeben.“ Enge in der Brust, Wut, und Verzweiflung packt ihn. „Wieso habe ich ihn nicht besucht, wieso habe ich nicht Anteil genommen? Ich habe es doch gewusst.“ Ärger zieht auf, Bestürzung. Dann kommen Bilder und Erinnerungen an die gemeinsam erlebte Zeit. Ein kurzes Lächeln, Tränen, dann Dankbarkeit und dann wieder Schmerz und Trauer. Mit dem Schmerz und der Trauer wendet er sich anderen Dingen zu. Er will es nicht spüren. Dumpfe Leere bleibt zurück. Am Abend nimmt er sich Zeit für seine Gefühle. Er schreibt sie einfach auf. Alles was da war und alles was er jetzt spürt. Er benennt seine Gedanken und seine Gefühle. Doch neben der tiefen Trauer spürt er noch etwas. Dankbarkeit dafür, dass er sich jetzt diese Zeit nimmt. Denn jetzt erlebt er den Kontakt und die gesuchte Verbindung zu seinem Freund. Er spürt die Verbundenheit, die diese Freundschaft über die Jahre getragen hat. Nun wird es Gewissheit. Er will seinen Freund noch einmal sehen. Will sich verabschieden und mit ihm gemeinsam, die erlebten schönen Momente erinnern und auch die schmerzhaften Momente betrauern. Mit dieser Gewissheit kommt Kraft. Er beginnt, seinem Freund in einem Brief diese Erfahrung aufzuschreiben.
 
Information: Man hat uns beigebracht, allem Unangenehmen die Aufmerksamkeit zu entziehen. Wir haben gelernt, uns abzulenken, zu trösten, nach Auswegen zu suchen und auch zu entfliehen, mit Hilfe suchtmachender Stoffe. Weshalb? Ist es die Angst vor Schmerz und Trauer? Stephen Levine schreibt dazu in seinem Buch „Noch ein Jahr zu leben“, dass Mitleid in uns entsteht, wenn man dem Schmerz mit Angst begegnet. Mitgefühl hingegen erwächst, wenn man dem Schmerz mit Liebe begegnet. Er empfiehlt - und da stimme ich ihm aus der Sicht der Gewaltfreien Kommunikation zu: „Öffnen Sie sich den unangenehmen Empfindungen. Erkennen Sie, dass wir oft genau dann am wenigsten präsent sind, wenn unser Schmerz am meisten danach verlangt, umarmt zu werden.“
Jedes Gefühl verbindet uns mit unseren Bedürfnissen. Sind Bedürfnisse im Mangel, dann spürt man oft Enge, es gibt bewertende Gedanken dazu und Erfahrungen und Erinnerungen aus der Vergangenheit werden wachgerufen. Ist man dennoch mit der „Schönheit des Bedürfnisses“ verbunden, verändert sich das Empfinden. Das Wahrnehmen des Bedürfnisses wird dann zur Kraft, der bittere Schmerz kann sich verwandeln in einen süßen Schmerz und innere Ruhe kann einkehren oder die Sehnsucht, etwas zu verändern wächst heran.
 
Zum „Sofort-Üben“: Welche Bedürfnisse waren Ralf zu Beginn noch nicht klar und haben sich erst später deutlich gezeigt? (Unser Vorschlag steht am Ende der Mail.)
 
Wochenaufgabe: Gerade die Momente, in denen man selber krank ist, kranke Menschen betreut, sich womöglich mit dem Tod konfrontiert sieht oder Sterbende begleitet, sind besondere Situationen mit besonderen Emotionen. Nehmen Sie sich die Zeit und geben Sie sich Raum für diese Gefühle. Benennen Sie sie. Registrieren Sie Ihre Gedanken, Erwartungen, Bilder während diese vorüber ziehen. Kein Gefühl, Gedanke oder Empfindung dauert länger als einen flüchtigen Moment bevor diese in einen nächsten Zustand, Gedanken oder Emotion übergehen. Nehmen Sie Kontakt auf, zu den Bedürfnissen dahinter. Seien Sie auch für sich da, dann unterstützen Sie leichter mit dieser Präsenz andere Menschen in diesen Momenten.
Wenden Sie sich in dieser Woche bewusst allen momentanen Gefühlen zu. Vielleicht nicht immer gleich. In manchen Situationen braucht es vielleicht noch Ihre Handlungsfähigkeit? Schaffen Sie sich jedoch später den Raum und geben Sie sich die Zeit, all Ihre im Moment vorhandenen Gefühle aufsteigen zu lassen. Spüren Sie nach, wie geht es Ihnen damit und welche Bedürfnisse stehen damit in Verbindung?


Unser Vorschlag: Die Bedürfnisse nach Kontakt, Verbindung, gemeinsam Feiern und Betrauern haben sich gezeigt. Und ein großes Bedürfnis nach Verbundenheit, dem Spüren der Nähe zum Anderen, die Dankbarkeit und ein beginnendes Feiern und Betrauen ist schon ein Stück genährt worden.