Auch die Stillen unter uns brauchen Beachtung (GFK-coachingbrief von Anja Palitza & Olaf Hartke)

Thema: Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für die Stillen

Zitat: „Jeder Tag hat sein Licht und seine Schatten. Wichtig ist, die kleinen Glücksmomente wahrzunehmen, die wir uns gegenseitig schenken können.“ (gefunden auf pinterest)

Beispiel: Wir sitzen mit einer Gruppe von etwa fünfzehn Erwachsenen und ein paar Kindern nach dem Abendessen noch an der langen Tafel und es wird erzählt und gelacht. Zwischendurch wirken die Kinder anscheinend etwas gelangweilt, denn einer der Gäste setzt sich zu ihnen und gewinnt durch ein paar Zauberkunststücke sofort ihre Aufmerksamkeit. Neben den Zaubertricks hat er auch ein paar spezielle lange, dünne Luftballons dabei, die er aufbläst und dann blitzschnell zu Schwertern, Hunden und Mäusen formt. Die Kinder erhalten ebenfalls ein paar der Ballons und der Gast zeigt ihnen, wie man diese zu Figuren formt.

Während ich ein paar Fotos davon mache, sehe ich am Nachbartisch einen bei seinen Eltern sitzenden, etwa zehnjährigen Jungen, der immer wieder mal zum Zauberer und den Kindern herüberschaut. Er wirkt still und etwas traurig auf mich. Ich bedaure sehr, dass er nicht herüberkommt und mitmacht. Ich bedaure auch, dass wir ihn nicht angesprochen und zum Mitmachen eingeladen haben, denn die kurze Lehrstunde des Zauberers wird gleich beendet sein – die Kinder haben ihre Tiere unter der Anleitung schon fast fertiggestellt.

Während ich noch ein Foto mache, höre ich plötzlich den ebenfalls in der Nähe der Kinder sitzenden Freund des Zauberers ganz leise sagen: „He, Stephan…“ Dabei nickt er mit dem Kopf in die Richtung des Nachbartisches. Der Zauberer antwortet ohne Aufzusehen mit einem freudigen Lächeln: „Rate mal, für wen ich diesen Hund hier gerade mache?“ Und fast gleichzeitig ist die Figur fertiggestellt, er geht hinüber und hält sie dem stillen Jungen hin. Der wirkt erstmal überrascht, schaut auf die Luftballon-Figur, dann auf seine Eltern und wieder auf die Figur. Die Eltern lächeln, sagen etwas zu ihm und schließlich nimmt er das kleine Geschenk an. Er hält den Luftballon-Hund vorsichtig fest, bestaunt ihn von allen Seiten und er lächelt. Er wirkt erfreut und strahlt zum allerersten Mal ganz glücklich an diesem Abend, so scheint es mir.

PS: Der Zauberer Stephan hat uns total gut gefallen: www.stephannoelle.de

Information: Es gibt Menschen (hier ein Kind), die können sehr deutlich mit ihrem Verhalten auf sich aufmerksam machen. Sie haben z.B. einen deutlich höheren Gesprächsanteil als andere Menschen; sie suchen den Kontakt zu anderen Personen; sie fragen andere Menschen mehr oder teilen ihre Wünsche anderen mit.

Doch es gibt auch die Menschen, die eher etwas stiller wirken, sich vielleicht nicht anderen Menschen in dieser Art anvertrauen, Nähe meiden, sich weniger in Gesprächen äußern und die auch weniger von ihren Wünschen preisgeben würden.

Während sich die eine Gruppe tendenziell eher die Bedürfnisse nach Verbindung, Kontakt und „Gesehenwerden“ erfüllen, erfüllen sich evtl. die stilleren Menschen mit dem Stillsein ihre Bedürfnisse nach Schutz, Sicherheit oder Harmonie. Vielleicht auch nach Ruhe oder sie möchten ihre Aufmerksamkeit auf das Zuhören und Beobachten konzentrieren. Trotzdem kann es für die stillen Menschen hilfreich sein, wenn sie merken, dass andere Menschen sie wahrnehmen und ihnen Angebote machen.

Wochenaufgabe: Beobachten Sie in dieser Woche einmal die stillen Anwesenden. Versuchen Sie zu erkennen, welche Bedürfnisse gerade in ihnen lebendig sein könnten und sprechen Sie die Personen einfach mal an, in dem Sie etwas anbieten, was das vermutete Bedürfnis erfüllen könnte.