Ein Dreijähriger schmeißt sich auf den Boden, die Mutter rennt in ihrer Hilflosigkeit davon, die Großmutter zeigt viel Geduld

neulich in Rostock....ich wollte einen der letzten warmen Herbsttage draussen in einem Strassencafe sitzen, die Menschen um mich herum beobachten und ein wenig lesen. Doch dann dies: ein schreiender Junge von ca. 3 Jahren, wollte nicht mehr laufen und auf den Arm der Mutter. Doch die hatte wohl selbst keine Kraft, er schmiss sich direkt vor dem Strassencafe auf den Boden und schrie und schrie.... fast eine halbe Stunde. Die Mutter hatte bereits wütend das Weite gesucht und die Großmutter bemühte sich knallrot im Gesicht, das Kind zu beruhigen und zum Weiterlaufen zu motivieren. Just nach diesem Erlebnis, was wir alle kennen, kommt der folgende coachingbrief

 zur Gewaltfreien Kommunikation von Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Eine Lanze für alle Gefühle brechen

Zitat: „Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“ (Ingmar Bergman)

Beispiel: Das Beispiel haben wir von einem Coachingbrief-Leser zugesendet bekommen: Mutter: "Komm jetzt mit! Es muss doch endlich mal losgehen! Was soll denn das jetzt! Wir laufen nur bis da runter!"

Kind: Weint, möchte aus irgendeinem Grund nicht weg oder nicht laufen. Mutter: "Ich kann Dich nicht den ganzen Weg tragen! Dann bleibst Du halt hier sitzen!"

Kind: Weint stärker, jetzt kaum noch zu bremsen.

Mutter: Wiederholt ihre Aussage: "Ja dann komm jetzt, sonst bleibst Du halt hier alleine." Pause. Mutter: "Hand!"

Der Coachingbrief-Leser schreibt anschließend: „So, und jetzt zurück zu mir. Mich nimmt so etwas mit, mich macht so was fertig! Ich will am liebsten reagieren und eingreifen. Aber ich traue mich nicht, mich ungefragt in die Erziehung und Privatsphäre meiner Nachbarn einzumischen. Hinzu kommt, dass ich natürlich auch selbst Aufgaben habe, Dinge zu erledigen und Probleme zu lösen, die mich betreffen und vor denen ich ehrlicherweise gerne einmal flüchte.“

Information:

Manche Situationen, in denen wir uns befinden, lösen intensive Gefühle aus. Das können angenehme Gefühle sein aber auch Gefühle, die wir nicht so gerne aushalten wollen. Doch jedes Gefühl sehen wir aus dem Blickwinkel der Gewaltfreien Kommunikation als bedeutsam an.

Wir vergleichen Gefühle gern mit den Anzeigelämpchen im Armaturenbrett eines Autos. Sie zeigen uns an, dass alles in Ordnung ist oder sie geben uns einen Hinweis, dass Veränderungen notwendig werden. So signalisiert uns z.B. das Gefühl von Freude, dass sich Bedürfnisse gerade erfüllen und Trauer zeigt uns, dass bestimmte Bedürfnisse zu kurz kommen. Somit gibt es für uns weder gute noch schlechte Gefühle, sondern ausschließlich Gefühle, die anzeigen, dass sich Bedürfnisse erfüllen und Gefühle, die anzeigen, dass sich Bedürfnisse nicht erfüllen. Gefühle wollen uns mobilisieren.

Wenn unser Körper das Bedürfnis nach Nahrung durch das eher „unangenehme“ Gefühl von Hunger anzeigt, dann ist es sinnvoll, dass sich das so unangenehm anfühlt. Würde sich Hunger gut anfühlen, dann würden wir glücklich verhungern. Der Druck, etwas zu verändern, entsteht mit der Wahrnehmung des unangenehmen Gefühls. Insofern sagen wir auch: Nicht andere machen uns „schlechte“ Gefühle, sondern sie lösen sie lediglich aus. Doch wir bleiben verantwortlich für unsere Gefühle, denn ihre Ursache liegt in uns selbst. Sie haben mit uns zu tun und unseren erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen. Und wenn wir sie wahrnehmen, dann liegt es an uns, uns um Strategien zu kümmern, die die Bedürfnisse wieder in Erfüllung bringen. Indem wir selbst etwas tun oder andere einladen, zu unseren Bedürfnissen beizutragen.

Zum „Sofort-Üben“: Welche Gefühle vermuten Sie bei dem Kind, der Mutter und auch bei unserem Coachingbrief-Leser?

Auf welche Bedürfnisse machen diese möglicherweise aufmerksam?

Die Lösungen findet Ihr nach diesem weiteren Gedanken zur Bindungtheorie speziell zu diesem Problem vom Trainer Dr. Gerhard Lorenz:

Information: Die Bindungstheorie > (https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie) nach John Bowlby und Mary > Ainsworth bezeichnet das für eine sichere Bindung wünschenswerte Verhalten > der Mutter gegenüber ihrem Kind als Feinfühligkeit > ("situationsangemessenes und promptes Reagieren erwachsener Bezugspersonen > auf die Äußerungen und Bedürfnisse" des Kindes).

Dieses Konzept der > Feinfühligkeit entspricht der Empathie im Verständnis der GFK - und > fokussiert auf Gefühle und Bedürfnisse des Kindes. > >

Die Bindungstheorie geht davon aus, dass bei einem gestressten Kind dessen > Bindungsbedürfnis aktiviert wird und es zur Mutter (als primäre > Bezugsperson) strebt oder sie herbeiruft.

Das Kind braucht die Mutter zur > Co-Regulation, um sich beruhigen zu können. Durch diese (feinfühlige) > Co-Regulation der Mutter lernt das Kind über die Jahre, sich immer besser > selbst regulieren zu können. Ein dreijähriges Kind kann sich im Stress > noch nicht selbst regulieren. > > Die im Beispiel beschriebene Reaktion der Mutter sehe ich (Gerhard) nach > der Bindungstheorie nicht als feinfühlig an.

Die angedrohte Trennung > erhöht den Stress des Kindes und führt zu einem Dilemma des Kindes: > Einerseits zieht es das Kind zur Mutter, weil sein Bindungsbedürfnis > aktiviert ist, andererseits wird es von der Mutter bedroht, was seiner > Annäherung zur Mutter im Wege steht. Also gibt es im Kind gleichzeitig > eine Anziehung zur Mutter und eine Abstoßung von der Mutter. >

> Zum "Sofort-Üben":

Welche Gefühle und Bedürfnisse könnten beim Kind noch > lebendig sein - unter Berücksichtigung der Sichtweise der Bindungstheorie > (zusätzlich zu den im letzten Coachingbrief genannten Gefühlen und > Bedürfnissen: Traurig, weil es Verständnis braucht; verzweifelt, weil es > in seiner Not gesehen werden will; hilflos, weil es keine Idee hat, es > anders zu verdeutlichen)?

 

Und nun die Vorschlägevon Anja Palitza und Olaf Hartke zu obigem Fall für alle Beteiligten: Mögliche Gefühle:

Kind: Verzweifelt, traurig, hilflos?

Mutter: Genervt, frustriert, hilflos, unruhig?

Coachingbriefleser: traurig, ohnmächtig, hilflos, ängstlich, unsicher, besorgt?

Mögliche Bedürfnisse:

Kind: Traurig, weil es Verständnis braucht; verzweifelt, weil es in seiner Not gesehen werden will; hilflos, weil es keine Idee hat, es anders zu verdeutlichen

Mutter: Genervt, weil sie ein Ziel verfolgt und es entspannt umsetzen möchte; frustriert, weil sie Unterstützung und Verständnis braucht, hilflos, weil sie nicht weiß, wie sie es schaffen kann und unruhig, weil sie Verbindlich sein möchte in einer Terminzusage.

Coachingbrief-Leser: Traurig, weil er möchte, dass sich Menschen achtsam und zugewandt begegnen; ohnmächtig und hilflos, weil er wirksam sein möchte, Vertrauen braucht, dass es Wege für Veränderungen gibt und gleichzeitig nicht weiß, wie er grade dazu beitragen kann; ängstlich, weil er die Beziehung und Harmonie in der Nachbarschaft untereinander erhalten möchte; unsicher, wie er für seine Werte einstehen kann und gleichzeitig das Miteinander in seiner Qualität wahren kann

 

Habt Ihr Euch wiedererkannt?