Jammern über äußere Umstände, sich machtlos fühlen, nichts tun wollen - welche Bedürfnisse erfüllen sich Menschen, die etwas verändern wollen und die, die nichts tun wollen? coachingbrief von Anja Pallitza & Olaf Hardkestecken dahinter

Thema: Opferitis humana und was es damit auf sich hat

Zitat: „Materieller Reichtum macht vielleicht mächtig - aber bestimmt nicht glücklich. Wir sollten uns um den inneren Reichtum bemühen, den Reichtum des Herzens.“ (Konstantin Wecker)

Beispiel: Bernd und Klaus sitzen in ihrem Stammlokal. Bernd: „Unsere Politiker sind so zum Kotzen. Ich kann das Gelaber einfach nicht mehr hören. Der ganze Wahlscheiß interessiert doch sowieso keinen mehr. Egal was wir machen – wir ziehen ja doch den Kürzeren. Gestern hat Peter schon wieder seinen Job verloren. Wieder ist ihm kurz vor Ende der Probezeit gekündigt wurden. Überall zählt doch allein das Geld und die Macht.“ Klaus nickt und schaut schweigend in sein Bierglas. Er weiß einfach nicht mehr, was er dazu sagen kann. Er würde gern etwas Sinnvolles tun. Er möchte Beitragen – doch wozu? Es gibt so Vieles, was aus seiner Sicht geändert werden sollte. Doch bei der stillen Antwort auf seine gedankliche Frage, was er ausrichten kann, fällt seine Energie wieder in sich zusammen. Frustriert geht es nach Hause. In den nächsten Tagen bestellt Klaus die Zeitung ab und schaut auch keinerlei Nachrichten mehr. Die Treffen mit Bernd stellt er ein. Doch eine Zufriedenheit stellt sich bei ihm nicht ein.

Information: Veit Lindau sieht die gefährlichste und ansteckendste Krankheit der Menschheit in einer Krankheit, der er den Namen „Opferitis humana“ gegeben hat. Menschen, die von dieser Krankheit infiziert sind, so seine Sicht, sehen die Ursache eigenen Leidens in den äußeren Umständen und erleben sich dadurch als ohnmächtig. Er sagt, sie jammern, klagen, lästern über andere und machen das Äußere für das eigene Erleben verantwortlich. Es wird nach den Schuldigen gesucht. Die Ansteckungsgefahr hält Lindau für extrem hoch, weil das Jammern auf einen kollektiven Nährboden fällt. Den Grund für das im Außen gesuchte Leid sieht er zu einem großen Teil in der bei uns gesellschaftlich akzeptierten Norm des Jammerns und Schuldzuschreibens.

Auch in der gewaltfreien Kommunikation geht es darum, sich bewusst zu machen, wofür wir die Verantwortung tragen. Wenn es um das eigene persönliche Erleben geht, so sind wir zu 100% verantwortlich. Wenn wir nur ein Prozent dieser Macht abgeben, in dem wir andere verantwortlich machen, so fährt sinnbildlich der eigene Motor nicht mehr auf allen Zylindern. Wir lassen uns Schlupflöcher offen, sind inkonsequent und gebrauchen Ausreden, weshalb etwas so ist und warum wir Dieses oder Jenes nicht tun können. Die volle Verantwortung zu übernehmen heißt, zu wählen, wie man auf Ereignisse im Außen reagieren möchte. Die Ereignisse sind da, gleichgültig wie wir uns entscheiden, drauf zu reagieren. Das Leben lässt sich nicht kontrollieren. Doch das Leben schenkt immer die Wahlmöglichkeit der Reaktion auf das Geschehene. Wir können bewusst wahrnehmen, statt zu interpretieren und zu beurteilen. Wir können uns erlauben, alle unsere Emotionen zu fühlen und darüber herauszufinden, was uns am Herzen liegt. Wir können so eine Wahl treffen, wie wir auf das, was das Leben uns bietet, reagieren wollen. Dies ist ein Weg, weg von der Suche nach Schuldigen, hin zur Freiheit des Herzens. In dem wir uns mit dem verbinden, was für uns wichtig ist und wohin unsere Sehnsucht führt, können wir über Bitten an uns selbst Handlungsoptionen finden, die darauf ausgerichtet sind, die eigenen Bedürfnisse zu nähren. Vielleicht haben wir nicht immer die Möglichkeit unsere Lieblingslösungen zu leben, jedoch können wir uns mit dem Blick auf das „Wie-etwas-gehen-kann“ so ausrichten, dass wir über die Zeit eine Lösung dazu entwickeln können, die alle unsere Bedürfnisse nährt.

Zum „Sofort-Üben“: Welche möglichen Bedürfnisse liegen bei Klaus hinter seinem Wunsch nach Beitragen und Verändern wollen? Für was will er sorgen, in dem er die Strategien Fernsehen, Zeitung und Treffen mit Bernd abwählt? (Unser Vorschlag steht am Ende der Mail.)

Wochenaufgabe: Nehmen Sie sich doch diese Woche einmal bewusst Zeit, um herauszufinden, welche Bedürfnisse bei Ihnen von der aktuellen politischen Situation berührt sind. Wie können Sie für sich und diese Bedürfnisse Verantwortung übernehmen? Was wäre eine erste Bitte, die Sie an sich selbst stellen würden? Weichen Sie nicht aus in „Ausreden“, weshalb es nicht geht. Diese Verantwortung nimmt Ihnen niemand ab. Gehen Sie dieser Bitte nach und unternehmen Sie einen möglichen ersten Schritt. Spüren Sie, wie es sich anfühlt, sich selbst damit ernst zu nehmen?

Aktuelles: „Konstantin Wecker (68), Musiker, Liedermacher, Komponist, Schauspieler, Autor und bekennender Linker mit anarchistischen Tendenzen, ist und bleibt ein Kämpfer für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“, so schreibt die Neue Westfälische. Im Interview legt Wecker seine Gedanken zur Spaltung der Friedensbewegung, dem Machtmissbrauch und seine Vision für eine bessere Welt dar.

Das aus unserer Sicht lesenswerte Interview mit Konstantin Wecker:
http://www.nw.de/lifestyle/magazin/kopf_der_woche/20749492_Wo-bleibt-der...

Wir stoßen immer wieder auf Proteste. Es gibt so viele Menschen, die Ihre Bedürfnisse ernst nehmen und etwas tun. Im Anhang finden Sie eines von vielen Beispielen.

Unser Vorschlag: Klaus Bedürfnisse nach Einfluss nehmen können und der Mitgestaltbarkeit von Situationen liegen in einer möglichen Sehnsucht nach Frieden, Harmonie und Verbundenheit der Menschen untereinander. Ihm liegt die Gleichwertigkeit der Menschen am Herzen und er sucht in sich das Vertrauen nach einem Weg, für diese Bedürfnisse sorgen zu können. Mit dem Abwählen von Medien und dem Kontakt zu Bernd versucht er sich womöglich zu schützen vor den unangenehmen Gedanken und Gefühlen, die in ihm aufsteigen, wenn er die Ereignisse um sich herum wahrnimmt. Jedoch dienen diese Strategien nicht allen Bedürfnissen, die in ihm lebendig sind und das „Unwohl“-Gefühl bleibt ihm als Mahnung daran erhalten.