was hat der Ärger über das Wetter mit GFK zu tun? coachingbrief von Anja Palitza & Olaf Hardke

Wetter für die Feiertage und Gewaltfreie Kommunikation

Zitat: „Um klar zu sehen reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung.“ (Antoine de Saint-Exupéry)
„Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“ (Henri Matisse)

Beispiel: Am Wochenende „kinder- und fraufrei“, Samstag Treffen mit der Unternehmergruppe im Sauerland, Sonntag mal ein ganz freier Tag – seitdem ich das vor etwa 10 Tagen in meinem Kalender sah, schaute ich täglich auf die Wetter-App meines Handy. Eine Gelegenheit für ein Motorradwochenende. Wahrscheinlich die einzige bis Juni. Also muss das Wetter gut werden. Und der Wettergott machte mir über seine moderne App Hoffnung. Temperaturen bis 9 Grad und eine nur etwas von Wolken verdeckte Sonne erschienen täglich auf dem Display. Also alles klar: Batterie einbauen, Reifen checken, kleine Seminarausrüstung zusammenstellen. Warten auf den heißersehnten Freitagnachmittag. Das Wetter bleibt stabil, sagte die App täglich.

Freitag: Telefontermine im Büro und noch möglichst viele Aufgaben vor dem Wochenende erledigen. Dann endlich Taschen packen, Motorrad satteln, Auto aus der Garage, Motorrad auch, Auto wieder rein – und plötzlich merke ich es: Das sind keine 9 Grad. Und wo ist die Sonne? Blick aufs Thermometer sagt 2 Grad und der Blick in den Himmel zeigt graue Wolken. Doch mit dem Auto? Nein, zu spät zum wieder abpacken und umziehen. Ich möchte pünktlich sein. Also los. Blöde Wetter-App. Der Motor erwacht nach der Winterpause zuverlässig zum Leben, erster Gang rein und los. Mit den Gedanken bin ich bei der Wetter-App: „Weiß ich doch, dass man sich auf diesen Mist nicht verlassen kann. Völlig unzuverlässig. Wer weiß, wo die Ihre Daten herholen. Olaf, warum verlässt Du Dich auch auf so etwas. Das hast Du jetzt davon. Du wirst völlig durchgefroren ankommen. Bestimmt regnet es gleich auch noch.“

Zehn Kilometer weiter: Nieselregen setzt ein. Regenkombi liegt im Keller, zum zurück fahren ist keine Zeit mehr. Prima, ich werde auch noch bis auf die Haut durchnässt sein und kein Kurvenvergnügen haben. Jetzt ist die Wetter-App nicht mehr nur blöd, sondern erhält deutlichere qualitätsbeschreibende Attribute. Mehr und mehr steigere ich mich in ärgerliche Gedanken über die App und auch über mich selber: „Musstest ja wieder stur und trotzig handeln. Mitte März mit dem Motorrad ins Sauerland. So eine Schwachsinns-Idee. Wetter-Apps, die nichts taugen müssten eigentlich verboten sein. Wieso unternimmt niemand etwas gegen so eine Verarscherei? Verdienen die eigentlich auch noch Geld mit ihrem Mist? Olaf, selbst schuld. Du hättest halt mal mittags vor die Tür schauen sollen, dann hättest Du bemerkt, wie kalt es ist.“

Die Gedanken springen zwischen (Selbst-)Vorwürfen und (Selbst)Beschuldigungen hin und her. Ärger und Groll sind sehr lebendig.

Plötzlich fällt mir auf, dass ich mein Großhirn mal wieder nicht als Werkzeug für ein geplantes und sinnvolles Analysieren und Imaginieren nutze, sondern der grauen Masse wieder völlig freien Lauf lasse.

Fokuswechsel: Tiefhängende Wolken über einer grauen Landschaft. Vorbeiziehende Wälder in unterschiedlich grau-grünen Schattierungen. Kalte, frische Luft im Gesicht. Vibrierende Lenkerenden in den Händen. Der alte Motor unter mir brummt zuverlässig und dreht kraftvoll hoch. Beschleunigen, abbremsen, schalten, in die Kurve legen, neu beschleunigen, schalten, nächste Kurve anpeilen. Das Fahren macht auch auf nasser Straße Spaß. Die dicke Jacke mit Thermofutter hält die Kälte vollständig von meinem Körper ab. Auch die Lederhose hat bisher bei einstündigen Regenfahrten immer dicht gehalten. Neben der Fokussierung auf die Wahrnehmungen tauchen auch wieder Gedanken auf. Andere. An Motorradurlaube in den Alpen, in Italien. Ich spüre ein Kribbeln, Leichtigkeit, Freude.

Information: Gefühle von Wut, Ärger, Groll und Hadern sind einerseits Hinweise auf unerfüllte Bedürfnisse. Manchmal – insbesondere dann, wenn einem die unerfüllten Bedürfnisse bereits klar sind, sich aber nicht direkt erfüllen lassen – sind diese vier Gefühlskollegen auch die Folge eines unkontrollierten Denkens.

In Situationen wie den obigen hilft es mir, mich daran zu erinnern: „Ich bin nicht, was ich denke und meine Gedanken sind nicht die Realität.“

Der Hirnforscher Gerald Hüther erklärt in einem seiner Werke, zu welchem Zweck wir Menschen ein so außerordentlich hoch entwickeltes Großhirn haben. Es kann uns dazu dienen, komplexe Sachverhalte zu analysieren und zu verstehen. Es hilft uns, komplizierte Entscheidungen mit allen Vor- und Nachteilen abzuwägen. In ihm sind ungeheure Wissensmengen und Erfahrungen abgespeichert, auf die wir (fast) jederzeit zurückgreifen können, um anspruchsvolle Lösungen für aktuelle Situationen zu finden. Hüther sieht das Großhirn als „Denk-Werkzeug“, als eine Art biologisch gegebene Unterstützung zur besseren Bewältigung anspruchsvoller Aufgaben.

Und manchmal macht sich dieser Diener selbstständig, übernimmt Führung und Kontrolle und denkt in Richtungen, die zur Bewältigung der aktuellen Lebenssituation nicht hilfreich sind.

Ein bewusster Fokuswechsel kann dann dazu beitragen, die Denkrichtung zu ändern. Beispielsweise auf eine bewusste Wahrnehmung der Umgebung mit allen Sinnen. Möglichst bewusst zu spüren, was für die Sinne gerade wahrnehmbar ist, ist ein bewährtes Mittel, das Denken in unerwünschte Richtungen zu unterbrechen. Was kann ich sehen, optisch wahrnehmen? Welche Geräusche gibt es gerade zu hören? Wie fühlt sich die Umgebungstemperatur auf der Haut an? Wie riecht es dort, wo ich gerade bin? Und gibt es vielleicht auch etwas zu schmecken?

Machen Sie mit allen Sinnen eine Inventaraufnahme Ihrer Umgebung und sie werden schnell bemerken, dass Sie auf andere Gedanken kommen. Und mit anderen Gedanken stellen sich meistens auch andere Gefühle ein. Und Sie bemerken, dass sich zusätzlich zu der Nichterfüllung einiger Bedürfnisse trotzallem andere Bedürfnisse erfüllen oder diese bereits erfüllt sind. Mit noch anderen Worten: Sie verlassen das Bild des Mangels und gelangen zurück in das Bild der Fülle.

Wochenaufgabe: Versuchen Sie im Verlauf der Woche zu erkennen, wenn Ihre Gedanken in Richtungen abwandern, die Ihnen nicht hilfreich erscheinen. Beginnen Sie dann Ihre Umgebung intensiv wahrzunehmen und beobachten Sie dabei, ob und wie Ihr Denken sich verändert.